Es gibt Läufe, die vergisst man nie. Der 3kings 3hills gehört für mich definitiv dazu. Über 23 Stunden war ich im Dreiländereck Deutschland–Österreich–Tschechien unterwegs – und obwohl ich entlang der Strecke mehr als einmal an mir gezweifelt habe, durfte ich am Ende glücklich die Ziellinie überqueren.

Der Startschuss fiel am Freitagabend um 22 Uhr. Die ersten rund 60 Kilometer führten durch die Nacht über Waldwege mit vergleichsweise moderaten Anstiegen – genau wie es der Veranstalter angekündigt hatte. Ein perfektes „Warmlaufen“, denn der eigentliche Charakter dieses Ultratrails sollte sich erst danach zeigen.

Kurz vor meinem Eintreffen an der Versorgungsstation Haidmühle etwa bei km 60 liefen die eben gestarteten Läufer*innen auf der 58 km Ultra-Strecke vorbei. Als ich dort ankam dann die Überraschung: ich traf Matthias vom UTFS-Orgateam, der bereits seit Freitag, 14 Uhr auf der 168 km langen Strecke unterwegs war. Gemeinsam liefen wir die nächsten Stunden auf den Trails.

Bereits im vergangenen Jahr war ich auf der kürzeren Distanz über 58 km unterwegs und wusste deshalb, was mich auf der zweiten Hälfte erwarten würde: technische Trails, zahlreiche steile Anstiege und vor allem die beeindruckende Landschaft des Bayerischen Waldes entlang der Grenzen zu Österreich und Tschechien. Allerdings auf einer etwas anderen Strecke, die zum Hochficht in Österreich und zum Plöckenstein in Tschechien führte.

Für mich hat diese Region eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin hier aufgewachsen und kenne den Dreisessel noch aus Zeiten, als hier die Grenze zum Ostblock verlief. Heute auf Wegen zu laufen, die einst Europa trennten und heute Menschen verbinden, ist jedes Mal ein besonderer Moment.

Vom Kampf gegen die Uhr zum Kampf gegen das Aufgeben

Mein ursprüngliches Ziel war eine Zeit von etwa 20 Stunden. Doch spätestens am Dreisessel musste ich diesen Gedanken loslassen. Von da an gab es nur noch ein Ziel: ankommen. Bei km 70 erreichten wir nach einem anstrengenden, aber absolut schönem Aufstieg den Dreisessel mit der Versorgungsstation. Von dort aus ging es auf eine etwa 7 km lange Schleife vorbei am Hochstein und knapp 350 Höhenmeter bergab auf technischen Wegen. Natürlich mussten wir anschließend wieder auf über 1.300 Meter hoch laufen – über eine sonnige Skipiste. Ich konnte nur langsam dem Berg hoch gehen und umso faszinierender fand ich, als mich die Spitzenläufer des 40km-Rennens überholten. Sie liefen ohne Stöcke in einem hohen Tempo an mir vorbei. Oben angekommen, ging es ein weiteres Mal am Dreisessel vorbei und nach 77 Kilometern lagen noch etwa 40 Kilometer vor mir. „Nicht einmal mehr ein Marathon“, dachte ich mir. Ultras verändern definitiv die Wahrnehmung von Distanzen.

Nach einer weiteren Verpflegungspause am Dreisessel liefen wir am Grenzsteig zwischen Deutschland und Tschechien entlang bis zum Dreiländerstein. Matthias hat auf dem Steig das Tempo erhöht und ist alleine weitergelaufen. Ein absolut schöner und felsiger Trail, der eigentlich gut laufbar ist, wenn man noch keine 80 km in den Beinen hat. Auf dem anschließenden Adalbert-Stifter-Steig mit dem beeindruckenden Steinernen Meer wurde es voller. Wandernde und Teilnehmende der kürzeren Distanzen teilten sich nun die schmalen Trails, sodass häufiges Ausweichen zum zusätzlichen Kraftakt wurde. Erst rund 32 Kilometer vor dem Ziel, als die 40-Kilometer-Strecke abzweigte, wurde es wieder ruhiger, sehr viel ruhiger. Häufig war ich alleine oder zu zweit unterwegs.

Schritt für Schritt Richtung Ziel

Es folgte ein endloses Auf und Ab im Wald, nachdem ich den Adalbert-Stifter-Steig verlassen hatte.. Jeder Anstieg kostete viel Kraft. Eigentlich hatte ich keine Lust mehr, bergauf zu laufen – oder überhaupt noch bergauf zu gehen. Aber Aufgeben war keine Option. Also immer weiter. Ein Schritt nach dem anderen. Vom Dreisessel aus waren es zur nächsten Versorgungsstation etwa 19 km, was mir als kleine Ewigkeit vorkam. Leider war die Auswahl an der Station nicht mehr besonders, so dass ich lieber schnell weiterlief.

Als meine Uhr schließlich die 100-Kilometer-Marke anzeigte, fühlte sich das trotz der Erschöpfung großartig an. Plötzlich waren es „nur noch“ 17 Kilometer. Das Ziel rückte näher und gleichzeitig wuchs die Faszination darüber, dass der Körper immer noch weitermachte. An der folgenden Versorgungsstation bekam ich dann einen ziemlichen Dämpfer, der mich etwas aus dem Konzept brachte. Durch die Wanderwegweiser dachte ich, es wären nur noch etwa 6 km bis ins Ziel. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, dass die Vorstellung nicht mit den km auf meiner Uhr passen kann, aber eine gewisse Toleranz muss ja einkalkuliert werden. Auf meine Frage, wie weit es denn noch wäre, war plötzlich von mind. 10 km die Rede, was mich ziemlich traf. Es nützte nichts – einfach weitermachen.

Kurz darauf bekam ich einen Anruf von Matthias, der wissen wollte, wo ich sei. Wir waren nur etwa 1 km auseinander und Matthias wollte etwas langsamer laufen und auf mich warten. Ich war richtig happy und nach etwa 2 km traf ich dann auf ihn. Die letzten km liefen wir dann gemeinsam Richtung Ziel. Mit der Abenddämmerung kam schließlich auch das Ziel in Reichweite. Bereits aus der Ferne war die Musik vom Veranstaltungsgelände zu hören – und trotzdem lagen noch zwei lange Kilometer vor Matthias und mir.

Ein Finish, das in Erinnerung bleibt

Nach 23 Stunden und 37 Minuten war es geschafft. Zum zweiten Mal durfte ich den 3kings 3hills erfolgreich finishen. Am Ende standen 119,48 Kilometer und 4.320 Höhenmeter auf meiner Uhr.

Direkt nach dem Lauf war ich einfach nur erschöpft und konnte kaum realisieren, was gerade passiert war. Doch schon am nächsten Tag überwog die Freude. Der Stolz darüber, trotz aller Zweifel durchgehalten zu haben, machte jede Anstrengung wett.

Nach meinem 11. Ultra beziehungsweise Marathon in diesem Jahr gönne ich mir nun eine wohlverdiente Verschnaufpause. Die nächsten Ziele warten bereits – Anfang September steht der Jungfrau Marathon in der Schweiz auf dem Programm.

Manchmal geht es im Ultralaufen nicht um Bestzeiten. Manchmal geht es einfach darum, weiterzugehen, wenn der Kopf längst aufhören möchte. Genau das macht solche Erlebnisse so besonders.

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